LÍTOST


Lítost ist eine tschechische Emotion, deren Unübersetzbarkeit berüchtigt ist, obwohl man sich, wie der tschechische Schriftsteller Milan Kundera sagte, »nur schwer vorstellen kann, dass die menschliche Seele ohne dieses Wort zu verstehen ist«. Sie beschreibt die Spirale aus SCHAM, GROLL und Zorn, die uns aus den Schuhen haut, wenn uns jemand das Gefühl gibt, erbärmlich zu sein. Im Gegensatz zum anhaltenden Hass des Grolls oder der Untätigkeit der Sorge verlangt lítost Aktivität. In seinem Roman ›Das Buch vom Lachen und Vergessen‹ (1979) fasst Kundera zusammen: »Lítost ist ein qualvoller Zustand, der durch den Anblick unserer unvermutet entdeckten Erbärmlichkeit ausgelöst wird … Lítost funktioniert wie ein Zweitaktmotor. Auf das Gefühl der Qual folgt das Verlangen nach Rache.«

Was die Rachsucht der lítost sehr speziell macht, ist ihre oft perverse Selbstzerstörung. Manchmal ist es leicht, quitt zu werden: Hat uns jemand herabgewürdigt, der schwächer ist, kann eine schneidende Bemerkung reichen, um unseren verletzten STOLZ wiederherzustellen. Verletzt uns jemand, der Macht über uns hat, muss die Rache jedoch Umwege gehen. In Kunderas Roman wird ein Junge von seinem übellaunigen Geigenlehrer niedergemacht, weil er einen falschen Ton spielt. Blind vor lítost brütet der Junge einen raffinierten Plan aus: Er wiederholt den Fehler mit voller Absicht so lange, bis der Lehrer durchdreht und seinen Schüler aus dem Fenster wirft. »Und der Junge fällt«, schreibt Kundera, »und freut sich während seines Fluges, dass der böse Lehrer des Mordes angeklagt wird.« Ziel der lítost ist, den anderen »dazu zu bringen, sich ebenso erbärmlich zu zeigen«, und man ist so sehr darauf konzentriert, seinen Peiniger zu bestrafen, dass die eigene Zerstörung dabei nebensächlich wird (siehe auch ABHIMAN).

Lítost

Kundera glaubt zwar, dass lítost uns allen geläufig ist, dass sie sich aber als bestimmte Vorstellung in der tschechischen Sprache aufgrund der qualvollen Geschichte der Unterdrückung Böhmens entwickelt hat. Als sich die Tschechoslowakei 1968 kurzfristig von der Sowjetherrschaft befreite, fuhren russische Panzer in Prag ein. Jeder Außenstehende hätte gesagt, dass der Versuch, sich gegen die russische Armee aufzulehnen, aussichtslos sei. Doch auf den Mauern der Stadt war der Wille zu unnachgiebigem Widerstand zu lesen: »Wir wollen keinen Kompromiss, wir wollen den Sieg!« Dazu Kundera: »Da sprach … die lítost!«, eine Mischung aus Stolz und Verstocktheit, mit der die Prager selbst in der Niederlage eine Mischung aus Trotz und Hoffnung verspüren konnten.