Blau regiert. Davon war ich schon als Kind überzeugt. Eine Lieblingsfarbe, nicht nur meine, sondern vom Großteil der Menschheit, schenkt man den Umfragen Glauben. Das satte Blau der Autos und Verkehrsschilder saugte ich als Kind auf als ließen sich die Synapsen damit tränken. An anderen Farben kann man sich sattsehen. An Blau nicht. Offensichtlich ist es mental besonders leicht verdaulich und wirkt so wie Traubenzucker auf den Insulinspiegel. Eine Resistenz habe ich zum Glück noch nicht entwickelt. Möglicherweise deshalb ist die Lieblingsfarbe vieler depressiv Erkrankter die Farbe Blau. Ein schneller Kick. Meiner Erfahrung nach ist das schlüssig.

Picasso: blaue Phase


Ein besonders intensives Blau besitzt der Lapislazuli. Für so einen Stein würde ich mehr Geld ausgeben als für Gold und Diamanten.

Das Blau aller Bläue: Lapislazuli

Einmal stand ich als Kind in einer Kunstausstellung vor einem Lapislazuli (der eigentliche Zusammenhang und die Einbettung in das Objekt ist schon lange verblasst) und mußte von meiner Begleitung aus dem Bannkreis des mesmerisierenden Blau herausgerissen werden. Meine Netzhaut sog die Farbe auf wie eine Biene den Nektar. Es ist allerdings kein Wohlgefühl von Bestand, es ist, als herrschte während des Betrachtens ein Gefühl davon, wie die Welt eigentlich sein könnte. Eine kurze Flucht aus dem Ist-Zustand. Das klingt sehr nach Drogen-Eskapismus oder Waldbaden. Aber Blau, das muß man ihm zugute halten, ist nicht so übergriffig wie Rot, so hinterfotzig wie Braun oder so indifferent wie Schwarz oder Grün. Polizeiuniformen sind seit ein paar Jahren nicht mehr paramilitärisch Grün. Vielleicht wirkt Blau deeskalierend. Unser Planet heißt der blaue. Trotzdem ist die Farbe Blau in der Herstellung eine der Aufwendigsten.

Blau ist dialektisch. Das zeigt die Koexistenz der Europaflagge mit der Parteifarbe der AfD.


Vor dem Schlafengehen hingegen soll man das Blau der Bildschirme meiden, weil es die Produktion des müde machenden Melantonin hemmt. Blau regt zum Denken an, Gedanken sind der Feind des Schlafes.

Als Kind faszinierte mich an dem Film “Lawrence von Arabien” der aus vielen Stoffbahnen zusammengenähte Schesch, die Kopfbedeckung der Tuareg. Ein leuchtendes Indigoblau, das vielleicht über Jahrhunderte hinweg die Unabhängigkeit der Tuareg bewahrte.

Blau ist Freiheit. So wie man sie als Kind erfahren kann, wenn man mit den Eltern ans Meer fährt und es schließlich zum ersten Mal am Horizont erblickt. Dann sieht man ein Blau in all seinen Spielarten und auf einmal ist alles möglich.

Tuareg


Als Seinszustand drückt Blau die Melancholie aus, oder in Verbindung mit Alkohol einen Rausch. Mit dem Blaumachen suspendiert man existenzielle Verpflichtungen für einen kurzen Zeitraum und betritt die Zwielichtzone zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Nicht selten gibt es eine zeitliche Korrelation zwischen blau sein und blau machen. Andere Farben zeitigen einen weniger metaphysischen Raum. Der Satz „Ich mache Gelb oder Braun“ wirft einen auf basale banale Körperfunktionen zurück, der Satz „Ich bin braun oder rot“ ist reserviert für das Politische. In der Diagnostik werden Gewebeschnitte mit Eosin blau gefärbt, um Veränderungen wie Tumore sichtbar zu machen; dagegen steht Blau in China für Unsterblichkeit. Bei alarmierenden Befunden nach dem Bläuen gibt es eine direkte Verbindung zum eben besprochenen „melancholischen Blausein.“ Mit dem Blues kommt oft die Sehnsucht nach Musik, die von Blue Notes durchzogen ist. Und wirft weitere Fragen auf: Hätte die Blue Man Group ebenso globalen Erfolg als Yellow Man / Red Man oder White Man Group? Ich habe Zweifel, die ich aber nicht hinreichend begründen kann.

Le grand bleu
Luc Besson, Le grand bleu

In Luc Bessons Schlussszene von “Rausch der Tiefe” (Le grand bleu) läßt der Protagonist am tiefsten Punkt des Tauchgangs seine Rettungsleine los und verschwindet erst im Blau und mit jedem weiteren langsamen Flossenschlag tiefer im Schwarz.


Insektenlampen nutzen die Vorliebe der Tiere für tiefblaues Leuchten aus und lassen sie im Hochspannungsgitter verglühen. Manchmal, beim Betrachten eines beeindruckenden Himmels, eines besonders farbintensiven Meeres oder Bergsees, wenn die Netzhaut im satten Indigo ertrinkt und es einen drängt, ins Tiefe und Unbekannte zu springen, frage ich mich, ob dahinter nicht ein gigantisches Gitter wartet.