Wo der Wunsch der theoretischen Physik und der des Menschen zusammenlaufen.
Einfache Erklärmodelle sind seit jeher beliebt, haben aber einen schlechten Leumund. Dies muß nicht immer so sein, zeigt Frank Wilczek, theoretischer Physiker am MIT und Nobelpreisträger in seinem Essay in dem Buch mit dem provozierenden Titel „Wie funktioniert die Welt?“.
In der Wissenschaft wird im Gegensatz zur Politik das Wort häufig als eine Art Lob verwendet. Ist Einfachheit etwas, das wir quantitativ messen können? Was im Alltag schlechterdings unmöglich scheint, ist in der Wissenschaft probate Verheißung.
Wilczek schreibt:
Eine Datei ist so kompliziert wie das kürzeste Programm, mit dem man sie aus dem Nichts erzeugen kann. Damit ist ein genaues, allgemein anwendbares, numerisches Maß für die Einfachheit definiert.
Schön und gut, aber wie hilft uns das in der überkomplexen Welt weiter, gibt es einen Übersetzer von der theoretischen Physik in den Alltag aller? Wenn es so etwas gäbe, wäre es einfach, aber darum geht es ja hier.
Dazu schreibt Wilczek:
In der theoretischen Physik bemühen wir uns darum, die Ergebnisse einer Riesenzahl von Beobachtungen und Experimenten in den Begriffen einer geringen Zahl leistungsfähiger Gesetze zusammenzufassen. Mit anderen Worten: wir bemühen uns um das kürzeste Programm zur Beschreibung der Welt. In diesem präzisen Sinn ist die theoretische Physik das streben nach Einfachheit.
Das könnte für die erzählende Literatur ebenfalls gelten. Entstammt der Wunsch nach Einfachheit durch die Erkenntnis, daß unser Leben von Geburt an entropisch verläuft? Vielleicht wollen wir das Chaos damit eindämmen.
Einfachheit, schreibt Wilczek, führt zur Eleganz. Einfachheit führt zu Schönheit. Einfachheit führt zu Tiefe.
Richtig verstanden, bietet Einfachheit also eine Erklärung dafür, warum eine gute Erklärung tief greifend, elegant und schön ist.
Wie funktioniert die Welt enthält interdisziplinäre 148 Essays von einer atemberaubenden Bandbreite. Nach der Lektüre wird man nicht wissen, wie die Welt funktioniert, man wird aber wissen, wo und wie man bis an sein Lebensende weiter danach suchen kann.



