Eine Münze hat zwei Seiten. Darum hatte man dieses Land einst durch eine Mauer geteilt. Erste Knospen. Grün. Früher: die Farbe der Polizeiuniformen. Mehr Förster als Exekutive. Seriöseres musste her. Ein besonders dunkles Blau. Italienischen Männern, die in Anzügen über die Piazza gehen, steht es hervorragend. Die Komplementärfarbe von Grün ist November.
Lange Schlangen vor Eisdielen. In tropischen Ländern wäre der Satz mehrdeutig. Für jede Papille der Zunge eine Geschmacksrichtung.
Rumänische oder bulgarische Bettler verdienen ihr Geld auf Knien. Auch bei Regen. Das gehört zur Ausbildung. Immer weniger Bargeld im Umlauf. Wenn sie überleben wollen, sagt ein Passant, brauchen sie anstelle des Bechers eine IBAN.
Pollen beginnt zu fliegen. Er trennt allergologisch die Spreu vom Weizen. Letzteres gönnt man sich an lauen Abenden im Biergarten.
Kunstaustellungen und Vernissagen mit Außenanteil. Auftrieb der Aficionados in schwarzen Rollkragenpullovern. Die Mitgeschleiften stranden früh an der Bar.
Hunde begleiten wieder Sonntagsjogger. Auch Amokläufer bekommen Seitenstechen.
Erste Biergartenbesuche. Frischverliebte schlendern zu jeder Tages- und Nachtzeit Hand in Hand durch Parks, als wäre ihre Work-Life-Balance aus dem Takt geraten. Menschen drängen nach dem beengenden und als unschön empfundenen Winter ins Freie. Aromen sind lebenswichtig.
Man spiegelt sich im Schaufenster und denkt: Auch der kleine Mann auf der Straße ist nicht größer geworden.
Städtische Gärtner haben das Gras im Englischen Garten auf Norm gestutzt. Eine Frau erklärt ihrem Kind, Pferdeäpfel sind kein Obst. Die Büsche rund um den Chinesischen Turm stinken nach einer Woche. Nach zwei Wochen werden Büsche Toiletten. Im Gebüsch passieren auch noch andere Dinge.
Entlang der Flüsse, in Parks und rund um die Seen wird wieder gegrillt. Das Fleisch ist kross und der Veggie-Day ferner denn je. Auf einen schönen Maitag muss man oft bis Juli warten. In einem Vorort begraben Nachbarn ihren Streit mit dem Spaten.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig. Leben findet nun auf der Straße statt. Zwerge sterben ruckzuck. Wenn wir schlafen, liegen Fische unter der Isar. Man wird älter und findet kein Versteck dafür. So vergeht die Zeit.
Leute tragen so leichte Kleidung, dass sie Auftrieb haben. Auf Gehwegen geben schmelzende Schneehaufen Hundekot frei, der sofort nach Ledersohlen lechzt. Die Zeit, sonst nur dem Raum verpflichtet, unterliegt Ende März einer staatlichen Beschneidung. Aus hygienischen Gründen. Im Herbst gesteht man den Fehler ein und näht das Stück wieder an. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Beamte tragen, per Kalender angeordnet, Kurzarmhemd.
Stühlerücken auf Gehwegen. Tische passgenau in vorgezeichnete Quadranten. Wintermuffige Wohnungen und Appartements speien Bewohner ins Freie. Unablässig scheint die Frühlingssonne auf die Menükarte und lässt den Monatssaldo stetig anwachsen – ab einem gewissen Volumen darf er Sondervermögen genannt werden. Aperol in der Sonne. Zärtliche Berührungen im Schatten, dann drinnen. Hunde riechen den Partnerwechsel zuerst.
Mit den ersten Knospen wimmelt es in Fußgängerzonen. Handfestes Gedränge. Auf dem Viktualienmarkt wachsen Früchte des Zorns. Die Obst- und Gemüsehändlerinnen sehen so frisch und prall gewachst aus wie ihre Produkte. Bäckereifachverkäufer sehen frühestens Ende Juni nicht mehr teigig aus.
Unterhalb der Schultern, und oberhalb sowieso, herrscht lichte Höhe. Es gibt Beine, die einsam machen. Darüber wird künftig kein Wort mehr verloren.
Zugvögel kehren wegen Änderungen im Fahrplan oft mit Verspätung zurück. Die Mädchen auf dem Straßenstrich sind Filmschauspielerinnen, wenn man genau hinschaut. Manch Autofahrer parkt und zieht einen Schlussstrich. Obdachlose schwärmen aus ihren Winterquartieren der Metro-Untergeschosse zu sonnigen Plätzen. Bis auch der letzte kapiert hat: Dem Manteltarifvertrag fehlt das Innenfutter.
Erster Hagel erschlägt Balkongemüse. Trizyklische Antidepressiva gehen über den Tresen. Wie warme Semmeln. Familienclans prügeln sich auf Frühlingsfesten. Die Tagundnachtgleiche hält auch nicht mehr das, was sie noch nie versprochen hat. An kalten Nächten kommen Spinnen noch mal zurück ins Badezimmer.
Menschen suchen nach Sinn in der Aufbruchstimmung und finden nichts. Erste Sonnenbrände der Saison. Dicke Männer tragen den Bauch auch im Gesicht. Sonnenbrillen schaffen nötige Distanz. Die Sonne holt nur das Beste hervor — doch wohin mit dem Rest?
Städtischen Pissoirs gehen die Urinalsteine aus. Klosprüche müssen neu gedacht werden. Bei Föhn geht alles — oder nichts. Der Horizont besteht aus Einzelentfernungen. Über die Ringstraßen der Stadt gleiten Skater vor dem Alpenpanorama. Im Norden braucht man nur das Haus zu verlassen. Auch Brillen mit schwarzem Gestell machen niemanden klüger. Am Ende hat jeder einzelne Hunger.
Bettwanzen können Monate in der Wand ausharren. Der Name „Hotel daheim“ im abgewirtschafteten Viertel des Hauptbahnhofs drückt auf die Tränendrüse. Täter, heißt es, kehren immer wieder zum Bankschalter zurück.
Zeitungen titeln über Ereignisse während der kalten Jahreszeit. Seine Ruhe ging ihm über alles. Seiner Frau ging es nur um Gemütlichkeit. Alles andere ergab die Obduktion.
Einzelne Bäume weigern sich, auszuschlagen. Sie tragen weiterhin Herbstkollektion. Sie werden vom Referat für Baumschutz und Freiflächengestaltung diskret entfernt. Die sterblichen Überreste kann man an der Tankstelle als Grillkohle kaufen.

Verkehrslärm übertönt das Rauschen der Bäume. Der Marsroboter überträgt Windgeräusche zur Erde.
An Sonn- und Feiertagen trägt die Klofrau purpurnes Kardinalsgewand und Mitra. Nach Ablauf der Parkscheibe bleibt dem Falschparker nichts anderes übrig, als die Politesse zu heiraten. Auch Kleriker erkennen: Gott ist der untreueste aller Ehepartner.
Schnee im April. Der Winter, too big to fail. Rückblickend war er, wie der Kioskbesitzer eindringlich beschwört, die Menopause der guten Laune.
Krähen sind, obwohl viel klüger, scheuer als Tauben. Es gibt kaum scheue Politiker.
Nach dem Frühling kommt der Sommer. Niemals umgekehrt. Das ist unflexibel und schadet der Gesundheit. Die Winterdepression hingegen bleibt über die Jahreszeiten hinweg stets gut Freund. Das zweite Spazierbier drückt schon heftig auf die Blase.
Das Filmfest ist jedes Jahr eine Theaterveranstaltung. Die Stadtverwaltung macht die Bürger darauf aufmerksam, dass die städtischen Enten wieder auf die Grünanlagen verteilt worden sind. Die Kinder erzählen wieder groß und breit von Elefanten. In Paris heiratet eine Frau einen Baukran.
Nach dem Kommunionsunterricht finden Knaben stets Kost und Logis unter der Soutane. Nachts schweigen per Gesetz die Glocken.
Das Bundesamt für Strahlenschutz genehmigt einen Castor-Transport im Frühling. Aktivisten kaufen Ketten und ABUS-Schlösser. In Prag hat der Frühling nach wie vor einen schlechten Leumund. In Japan ist er die Kirsche auf der Blüte. Insekten leben uns Staatsformen vor, die plötzlich wieder en vogue sind.
Der Zirkus Krone hat erstmals eine rechteckige Manege: Silberfische benötigen Ecken, um sich fortzupflanzen. Sie nutzen Fischtreppen. Wenn sie ankommen, schimmert das Schwarze Meer vor lauter Silber. Fischer werfen Netze aus.


