Die meisten von uns möchten sich gern von Zeit zu Zeit in die Arme eines geliebten Menschen werfen, um sich verwöhnen und trösten zu lassen. Dieses zeitweilige Sich-Fallenlassen in absoluter Sicherheit ist unglaublich belebend und wichtig. Das Gefühl, das es uns verschafft, ist in unserer Sprache nicht mit einem Begriff zu beschreiben, aber Japaner kennen es als amae (ausgesprochen: ah-ma-eh).

In Japan existiert amae in einer ganzen Reihe von Beziehungen, sie ist nicht nur ein Gefühl zwischen Familienmitgliedern, sondern auch zwischen Freunden und am Arbeitsplatz. Dabei gibt es auch verschiedene Abstufungen dieses Gefühls. Kindern wirft man etwa vor, sie würden amaeru(en) – damit ist gemeint, dass sie mit großen Augen jemandem zu überreden versuchen, ihre Wünsche zu erfüllen. Oder Teenager werden davor gewarnt, amai (so das Adjektiv) zu sein, das heißt, sich nicht die Mühe zu machen, für eine Prüfung zu lernen – in der Annahme, dass sie irgendwie durchkommen. »Sich wie ein verwöhntes Kind verhalten«, lautet eine Übersetzung, »sich auf das Wohlwollen anderer verlassen«, eine andere.

der Kitt, der Beziehungen stabilisiert

Aber diese Umschreibungen werden der Wertschätzung nicht gerecht, die amae gleichfalls genießt. Laut dem japanischen Psychoanalytiker Takeo Doi ist amae das Gefühl, sich der Liebe eines anderen Menschen in einer Situation sicher zu sein, in der wir von dessen Hilfe abhängig sind, ohne die geringste Verpflichtung zu haben, dafür dankbar sein zu müssen. Oder man kann sogar ermuntert werden, sich selbst gegenüber ein wenig amae zu zeigen, wenn man zu hart arbeitet. Für Doi ist es bedeutend, sich amae vollkommen hinzugeben, denn dies stelle eine Rückkehr zum Verwöhntwerden und bedingungslosen Versorgtwerden der Kindheit dar. Dies sei der Kitt, der Beziehungen stabilisiere, ein Zeichen tiefsten Vertrauens.

Was die Neugier vieler Emotionsforscher geweckt hat, ist die Tatsache, dass diese Kombination von Verletzlichkeit und Zugehörigkeit überhaupt einen Namen in Japan hat. In den 1970ern war amae bei westlichen Anthropologen der große Aufreger, weil sie es als Beweis sahen, dass selbst unsere intimsten Gefühle von der politischen und wirtschaftlichen Organisationsform, in der wirleben, geformt werden. Sie argumentierten, dass amae in der traditionell kollektivistischen Kultur Japans zur Blüte gekommen sei und dies der Schlüssel sei, warum die japanische Gesellschaft die Abhängigkeit von der Gruppe über den Individualismus stelle. Manche gingen noch weiter und sagten, amae definiere den japanischen Nationalcharakter – eine Behauptung, die uns heute sehr simplifizierend erscheint.

Amae
mit freundlicher Empfehlung von Chatgpt 4o

Nach wie vor ist die Leichtigkeit, mit der Japaner über die Freuden von amae sprechen, verblüffend. Warum fangen diejenigen von uns, die englischsprachig aufgewachsen sind, an zu stammeln, wenn sie eine ähnliche Erfahrung beschreiben wollen? Vielleicht spricht diese Lücke Bände darüber, wie schwer es fallen kann, die Unterstützung anderer Menschen anzunehmen. Da ist die Sorge, man wirke wie jemand, der »es nötig« habe oder kindisch sei. Oder die Befürchtung, sich eine endlose Kette von Verpflichtungen aufzuhalsen (siehe DANKBARKEIT). Und vielleicht am stärksten: die Beschämung, zugeben zu müssen, dass wir nicht immer die absolut autarken Erwachsenen sind, als die wir uns so gerne darstellen.