Cinema is the ultimate pervert art. It doesn’t give you what you desire – it tells you how to desire. – Slavoj Žižek

2007 sah ich zum ersten Mal den “Pervert’s Guide to Cinema” von Slavoj Žižek, slowenischer Philosoph und Lehrstuhltausendsassa in Kontinentalphilosophie, Psychoanalyse, Politische Theorie, Kulturwissenschaft, Kunstkritik, Filmkritik, Marxismus, Hegelianismus, Theologie und Anhänger von Lacan. Mit ziemlicher Sicherheit habe ich einiges unterschlagen. Man kann von ihm halten was man will, aber in seiner dialektischen Erklärmanie ist er selten langweilig. Die Gedanken in seinem Kopf schwappen hin- und her und bisweilen läuft das von der Natur sträflich zu knapp bemessene Denkgefäß über. Das Ergebnis: Essays, von Ticks1 durchzuckte Interviews, Bücher fast im Zweimonatstakt – und Filme wie der Pervert’s Guide. Unproduktivität wäre das Letzte, das man Zizek vorzuwerfen hätte. Davon ein Tröpfchen, ich hätte ihn genommen.

In der Bodega Bay

Die cineastischen Themenfelder, auf denen sich “The Pervert’s Guide to Cinema” bewegt sind vielfältig: Mit sieben Filmen und einem Auftritt im Trailer steht Alfred Hitchcock an der Spitze der Titelliste, die insgesamt 43 Filme umfasst. Zweitplatzierter ist David Lynch mit fünf Filmen. Chaplin, Kubrick, Tarkowskij und Disney sind je zweimal vertreten.

Mitproduzentin ist Filmemacherin Sophie Fiennes, deren vier Geschwister (darunter Ralph Fiennes) allesamt im Filmgeschäft tätig sind. Lediglich der Pflegebruder Michael ist künstlerisch aus der Art geschlagen und wurde Archäologe. Die Musik kommt von Brian Eno. In diesem Fall mehr als eine Ergänzung oder schlichte Untermalung. Sie ist eine organische Paraphrasierung von Žižeks Manie. Man muß unwillkürlich an die Rolle von Angelo Badalamenti im Lynch Universum denken.

Ausbrüche des mütterlichen Über-Ichs

Žižek selbst tritt in seinen Filmessays als eine Art irrer Cineast-Priester auf – in Szenenbildern platziert, mal im Motorboot in der Bodega Bay auf den Spuren Hitchcocks, mal im Lynch’schen Albtraumkabinett. Wenn er etwa erklärt, die Attacken der Vögel in The Birds seien „Ausbrüche des mütterlichen Über-Ichs“, das die sexuelle Beziehung zum Sohn sabotieren will, dann weiß man Hier geht es nicht um Filmkritik im üblichen Sinn – hier wird Kino seziert und analysiert, als wäre es ein Traum. Als Kind hatte ich den Film zusammen mit meinen Eltern angesehen. Wäre ich dieser Sichtweise damals bewußt gewesen, ich hätte auf dem Teppichboden sitzend eher mit besorgtem Grusel meine Mutter im Blick gehabt als den Fernsehbildschirm. (Was sich rückblickend als unbegründet herausgestellt hat.)

Žižeks Selbstinszenierung schreckte mich ab – und zog mich an. Wie ein Unfall, von dem man nicht wegsehen kann. Er schlüpft als Erzähler in die Rolle des Guten, des Bösen und glücklicherweise auch des Perversen oder Devianten.

Als Einstieg führt Žižek einen in die Welt der Perspektive anhand des Films “Possessed” von Clarence Brown mit Joan Crawford und Clark Gable von 1931. Das Paar, kurz vor einem Bahnübergang, verabschiedet sich nach einer Verabredung zum Eisessen voneinander und die Frau dreht sich um und geht Richtung Bahnübergang. In diesem Augenblick fährt ein Zug ein, sehr langsam und offensichtlich auf dem Weg zum Bahnhof. Jedes der Zugfenster ist ein Blick in eine andere Welt. Szenen aus der Wäscherei (so etwas gab es wohl damals in luxuriöseren Zügen), Salons, in denen Drinks serviert werden, Schaffner, die durch das Interieur schreiten, Menschen, die sich unterhalten oder streiten. Wir sehen Szenen in der Szene und aus der Sicht der Zuginnenwelt sieht man die Frau, die diese betrachtet. Eine perspektivische Abstraktion, die das Fiktionale verstärkt. Hiermit wird die Leinwand ausgerollt, auf der nachfolgend alle cineastischen Erklärungen Žižeks aufscheinen. Aus psychoanalytischer Sicht entspricht es vielleicht dem Hinlegen und Ausstrecken auf dem Sofa. Ganz nach Lacan funktioniert das Unbewusste nach sprachlichen Regeln: Es ist nicht bloß ein Ort verdrängter Inhalte, sondern arbeitet mit Symbolen, Zeichen und Bedeutungsverschiebungen. So ist der “Pervert’s Guide to Cinema” folgerichtig strukturiert.

“Possessed” 1931
“Possessed” 1931

Die Szenenverknüpfungen mit dem Lacan’schen Analysekosmos mag man amüsant finden oder ablehnen, die Inszenierung hingegen ist unterhaltsam. Žižek ist mehr als ein Filmkonsument. Er lebt den Begriff “Immersion”. Während er eine Szene erklärt, die anschließend im Original gezeigt wird, befindet er sich an dem jeweiligen Originalort, ausgestattet und ausgeleuchtet wie das, was gleich folgen wird. Und die Überblendung zur Filmszene wirkt beinahe wie ein Schnitt im Originalfilm.

“Psycho” 1960
Žižek in Norman Bates Keller


Es ist ja oft so, dass Filmszenen verstören und wir sie deshalb genießen, ohne aber sagen zu können, was das Verstörende ist. Žižek als Beobachter und in diesem Fall als Analyst erklärt anhand einer Szene aus Mulholland Drive, von David Lynch, warum. Es handelt sich um keine handlungstreibende Szene2, was sie umso interessanter macht.

Die Hauptdarstellerinnen Betty und Rita begeben sich mitten in der Nacht, nach 2 Uhr in den Club Silencio. Es handelt sich bei diesem Club um ein Theater. Sie setzen sich in den Zuschauerraum und nehmen aus der Beobachterperspektive am Geschehen auf der Bühne teil. Was passiert nun auf der Bühne?

Nachtclub “Silencio”

Der rote Vorhang ist geschlossen, ein Moderator verkündet auf der Vorbühne, dass es keine Band und kein Orchester gibt, denn alles ist eine Tonbandaufnahme. Er wünscht einen Klarinettenton und fordert das Publikum zum Hören auf. Der Ton erklingt. Kurz darauf tritt ein spielender Trompeter auf. Mitten im Spiel nimmt er die Trompete vom Mund. Der Klang bleibt. Eine Illusion. Er hebt bedeutend seine Arme und fordert noch einmal zum Hören auf. Im Hintergrund in der Beleuchterloge zieht eine Frau mit blauem Haar die Aufmerksamkeit auf sich. Angespannt verharrt der Moderator in seiner Position, während Donnergeräusch und blaues Lichtgewitter den Theaterraum durchzieht. Bettys Körper beginnt zu zittern. Der Moderator senkt die Arme und seine Muskulatur entspannt sich. Mit einem Lächeln und überkreuzten Armen vor dem Brustkorb verschwindet er in einer blauen Nebelwolke.

Conférencieuse im Club “Silencio”

Ein zweiter Moderator betritt die Bühne und kündigt auf Spanisch die Sängerin (Rebekah del Rio) an. Danach geht er durch die Mitte des roten Vorhangs ab und sie tritt auf. Am Mikrophon an der Bühnenrampe singt sie das Lied „Llorando“. Beim Hören des Liedes und beim Anblick der Sängerin rollen Rita und Betty die Tränen über die Wangen. Das Mascara zerfließt. Die Augen erröten. Die Lippen zittern. Tränenwasser benetzt die Haut.

Alles ist Illusion

Die Szene ist im Schuss-Gegenschussprinzip gearbeitet, daher wird ein enger Bezug zwischen Sender und Empfänger hergestellt. Als Rebekah auf der Bühne zusammenbricht, bleibt ihre Stimme. Moderator und ein Bühnenhelfer tragen ihren Körper von der Bühne.

Die Stimme besteht.

Das liest sich recht beschaulich, hat mich aber, als jemand, der mehr verstörende Filme in seinem Leben gesehen hat als es ein klinischer Psychiater gutheißen würde, tiefer getroffen als vieles zuvor.

D. Lynchs Theaterprojekte

Das ist vermutlich eines der verstörenden Elemente aus Lynchs Universum, es bleibt etwas bestehen, man weiß, etwas existiert im Unbewußten weiter, das man nicht benennen kann und das verunsichert und fasziniert zugleich. Žižek erklärt diese Mechaniken anhand der Filmauschnitte und hebt diese ins Bewußtsein, wo sie rationalisiert und bestaunt werden können. Was für mich erneut die wertneutrale Frage aufwarf, wieviel davon Lynch tatsächlich geplant hatte und wieviel davon Teil seines auf unbewusste Prozesse bauenden künstlerischen Intuition beruhte. Verdirbt eine rationale Betrachtung den Genuss der Kunst? Vielleicht, andererseits war Lacan ein Meister der Bedeutungsüberladung und vermutlich Žižek nicht viel weniger, was die kindliche Neugier entflammt, alles genau unter die Lupe nehmen zu müssen.

Ich weiß bis heute nicht, ob Žižek Lynch erklärt – oder Lynch Žižek. Wahrscheinlich ist das der Trick. Vielleicht muss der Perverse kommen, um uns das Unbewusste sichtbar zu machen – im Film wie im Denken.

  1. Sein bekanntester ist das Fassen an die Nase. Nach Lacan womöglich ein Kreisschluß des “Sich-an die-eigene-Nase-fassen”. Dies geschieht bei Žižek so häufig, dass es ein Alleinstellungsmerkmal geworden ist. ↩︎
  2. Lynch-Exegeten würden sagen, dass es in seinen Filmen keine handlungstreibende Szenen gibt, man konsumiert den Film nicht, man erfährt ihn. ↩︎